Atemstütze

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Folgende Definitionen von Klarinettisten und Gesangspädagogen erläutern den Begriff Atemstütze:

Robert Marcellus

„The old business about, as Selmer said, breathing into your stomach – not literally, but figuratively. When I take abreath, it’s very deep and the abdominal stomach wall expands. It feels pectorally like I’m inflating an inner tube or a balloon and the bottom part keeps inflated as one plays. It’s a good feeling; it’s a good, healthy, deep torso kind of feeling about playing. It’s not rigorous at all – quite the contrary – but it’s a very deep sustaining kind of support. It just automatically sustains.“

„[das ist] Die alte Geschichte über, wie Selmer sagte, "in den Bauch atmen" - das ist nicht wörtlich, sondern nur im übertragenen Sinne zu verstehen. Wenn ich einatme geschieht das sehr tief, und meine Bauchwand dehnt sich nach aussen1. In der Brust habe ich dadurch das Gefühl, wie wenn ich innerlich einen Zylinder2 oder einen Ballon aufblasen würde, und wenn ich spiele [ausatme!] bleibt der untere Teil aufgeblasen. Es ist in gutes Gefühl; ein gutes und gesundes Spielgefühl, das den Rumpf in seiner ganzen Tiefe mit einbezieht. Es fühlt sich nicht hart an - sondern das Gegenteil ist der Fall3 - aber es ist eine sehr tiefe Art von Stütze. Es gibt automatisch Halt.“

Robert Marcellus: Australian clarinet and Saxophone, March 1999[1]

Kommentar

1 Marcellus empfiehlt die auch in der Gesangspädagogik angewandte Kosto-Abdominalatmung, welche Brust-, Flanken- und Zwerchfellatmung kombiniert. Der Bauch ist kein Atemorgan. Die Bauchwand, wie auch Lenden und Rücken, erhalten bei der Einatmung durch das sich tiefer stellende Zwerchfell und den sich öffnenden Brustkorb eine Dehnspannung.

2 Diese Beschreibung erinnert an Frédéric Berr, der sich jedoch nicht über anatomische Zusammenhänge äussert. Berr beschreibt das Körpergefühl während der Ausatmung, indem er die Luftführung bildlich darstellt: es ist eine fast stehen bleibende, schwingende Luftsäule, die sich in einer stets aufrechten Körperhaltung bewegt.

3 Dies weist auf ein agiles Zusammenspiel von Einatmungs- und Ausatmungsmuskulatur während der Tonführung hin. Stütze ist kein statisches, sondern ein dynamisches Körpergefühl.

Michael Petzenburg

„Eine weitere wichtige Teilfunktion des Stützvorganges stellt die so genannte Artikulationsstütze dar. Dabei wird die Luft bei offener Glottis gegen die Artikulationsstelle gestützt (Bildung stimmloser Konsonanten). Ein dem Konsonanten nachfolgender Stimmeinsatz lässt sich mit der bereits komprimierten Luft leichter bilden.[21]“

Michael Pezenburg: Stimmbildung, Wissenschaftliche Grundlagen – Didaktik – Methodik.[2]

Kommentar

Analog zur Gesangstechnik wird Artikulationsstütze durch Zunge und Ansatzfomrung hergestellt. Zur praktischen Umsetzung siehe bitte auch die Übungen zum [Toneinsatz mit Zungenartikulation].

H.-J. Schultz-Coulon

„Zentrale Bedeutung für die Stimmgebung - insbesondere beim Singen - hat die Atemstütze („Apoggio”), d. h. die gezielte inspiratorische Gegenaktivität gegen die Ausatmungsbewegung zur Kontrolle des subglottischen Anblasedruckes. Weder das Zwerchfell noch eine andere gesonderte Muskelgruppe ist allein verantwortlich für die Atemstütze. Vielmehr läßt sich bei der Phonationsatmung pneumographisch und elektrophysiologisch ein subtiles Zusammenspiel inspiratorischer und exspiratorischer Kräfte nachweisen, das nicht nur von Körperhaltung und Phonationsart, sondern auch vom individuellen Trainingszustand der Stimme abhängt.“

H.-J. Schultz-Coulon: Sprache Stimme Gehör[3]

Kommentar

Durch die Doppelfunktion von Muskeln, welche die allgemeine Körperhaltung bestimmen und gleichzeitig als Atemhilfsmuskulatur tätig sind, sollte die Atemstütze immer im Zusammenhang mit der allgemeinen Körperhaltung gelehrt und gelernt werden.

Es ist bemerkenswert, dass im 18. und 19. Jh. die "Atemstütze" als instrumentaltechnischer Parameter noch keinen Eingang in die Instrumentaldidaktik gefunden hat. Frédéric Berr, 1831 beschreibt die Menge der auszuatmenden Luft als wichtigen instrumentaltechnischen Parameter. Anstelle der Atemstütze steht die allgemeine Körperhaltung im Zentrum. Dies weist darauf hin, dass sich mit einer günstigen Spielhaltung eine Klang optimierende Ausatmung und Luftführung verbindet.

Wolfram Seidner, Jürgen Wendler

„Ziel des Stützvorganges ist die zweckmäßige Führung des Ausatmungsstromes für eine optimale Kehlkopffunktion, wobei die Ausatmung durch ein möglichst langes Beibehalten der Einatmungsstellung verlängert werden soll“

Wolfram Seidner, Jürgen Wendler: Die Sängerstimme[4]

Kommentar

Bei dieser aus der Gesangspädagogik (Kapitel 3.3. Stimmatmung und Stützvorgang) entlehnten Begriffserklärung muss "optimale Kehlkopffunktion" durch "optimale Ansatzformung" ersetzt werden.

Fritz Winckel

[Atem]Stütze ist der Halt, den die Einatmungsmuskulatur dem Zusammensinken des Atembehälters entgegen setzt. Die Stütze dient dazu, den zur Phonation notwendigen subglottischen Druck auf den kritischen Druck (optimaler Betriebsdruck) zu reduzieren.“

Fritz Winckel: Wissenschaftliche Zeitschrift der Friedrich-Schiller-Universität[5]

Kommentar

Beim Klarinettenspiel hängt der optimale Betriebsdruck einerseits von Blatt und Mundstück, vom Ansatzdruck und von der Ausformung der Mundhöhle durch Zunge und Rachen ab. Zusätzlich wirken Tonhöhe und Dynamik als relevante Faktoren, die Kraft und Geschwindigkeit des Luftstromes beeinflussen.

Ein starker Ansatzdruck beispielsweise bedingt kräftige Ausatmungsaktivität. Klang - mit entsprechenden Merkmalen - wäre also grundsätzlich auch ohne den von Winckler beschriebenen Halt der Einatmungsmuskulatur produzierbar. Umgekehrt verlangen leichte Blätter und geringer Ansatzdruck grosse Stützkräfte.

Höhere Töne verlangen einen schnelleren Luftstrom bei gleichbleibendem Ansatzdruck, tiefere Töne klingen besser mit langsam geführter Luft. "Stützen" ist also kein statischer Vorgang, wie es der Begriff andeuten könnte, vielmehr handelt es sich um eine dynamische Aktivität, welche sich durch immer wieder neues Austarieren der Balance zwischen den Muskelkräften von Ein- und Ausatmung auszeichnet. Es ist sinnvoll, sich isoliert mit den einzelnen Faktoren der Klangproduktion wie Ansatz, Atemtechnik, und allgemeiner Körperhaltung) zu beschäftigen. Letztlich muss aber immer wieder unter auditiver Kontrolle die Balance aller Kräfte ins Zentrum gerückt werden, um sie als Ganzes mit dem musikalischen Geschehen in Verbindung zu bringen.

Beiträge der Interviewpartner

Einzelnachweise

  1. James Gholson: Interviewe with Robert Marcellus. In: Australian clarinet and Saxophone, March 1999 [1]
  2. Michael Petzenburg: Stimmbildung, Wissenschaftliche Grundlagen – Didaktik – Methodik. Wißner, Augsburg 2007, Seite 34. zitiert aus Wikipedia, Gesankgspädagogik eingesehen am 15. Mai 2015
  3. H.-J. Schultz-Coulon: Ventilatorische und phonatorische Atmungsfunktion in: Sprache Stimme Gehör ; 24(1), 2000, S. 1-17.
  4. Wolfram Seidner, Jürgen Wendler: Die Sängerstimme. Henschel, Berlin 1997, Seite 63. zizitert aus Wikipedia, Gesankgspädagogik eingesehen am 15. Mai 2015
  5. Fritz Winckel in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Friedrich-Schiller-Universität, Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe Band 7, Jena 1957, Seite 489. zitiert aus Wikipedia, Atemstütze, eingesehen am 15. Mai 2015

Literatur

  • Heinrich Mätzener, Johanna Gutzwiller, Beate Sick, Hans-Christoph Maier, Laura Tomatis: Klarinettenklang, Versuch einer physiologischen Analyse, Forschungsbericht der Hochschule Luzern–Musik. Luzern 2012 [2] eingesehen am 15. Mai 2015
  • Margot Scheufele-Osenberg: Die Atemschule: Übungsprogramm für Sänger, Instrumentalisten und Schauspieler; Atmung, Haltung, Stimmstütze Studienbuch Musik. Mainz, Schott 1998.
  • Martin Vacha: Das Fach Gesang als Brennpunkt universitärer SängerInnenausbildung. Eine programmatische Darstellung. Wien 2013 [3] eingesehen am 15. Mai 2015