TechServ Solutions AG – Unternehmensbewertung mit der Ertragswertmethode
Die vorliegende Fallstudie soll die Anwendung des Ertragswert in der Praxis am Beispiel der TechServ Solutions AG veranschaulichen.
Die TechServ Solutions AG wurde 1995 in Zug gegründet und ist ein spezialisierter Anbieter von IT-Dienstleistungen für KMU, insbesondere in den Bereichen Cloud-Infrastruktur, IT-Support und Cybersecurity. Das Unternehmen beschäftigt 30 Mitarbeitende und betreut rund 180 Geschäftskunden in der Zentralschweiz.
Nach fast drei Jahrzehnten erfolgreicher Tätigkeit plant der Gründer und CEO Peter Müller (63), das Unternehmen im Rahmen einer Nachfolgeregelung an seine operative Leiterin Laura Baumann zu übergeben. Baumann ist seit acht Jahren im Unternehmen tätig und war massgeblich am Ausbau der Serviceverträge beteiligt.
Für beide Parteien ist eine faire und nachvollziehbare Bewertung entscheidend. Das Controlling-Team empfiehlt die Anwendung der Ertragswertmethode, da sie die nachhaltige Ertragskraft des Unternehmens in den Mittelpunkt stellt und sich in der Schweizer KMU-Praxi bewährt hat.
Bisherige Controlling Praxis
Die Unternehmenssteuerung erfolgte bisher auf Basis klassischer Kennzahlen wie Umsatzwachstum, EBITDA-Marge, Auslastung der IT-Spezialisten sowie Liquiditätskennzahlen. Strategische Entscheidungen wurden überwiegend auf Grundlage operativer Erfahrungswerte getroffen. Eine systematische Unternehmensbewertung wurde bislang nicht durchgeführt. Im Rahmen der Nachfolge beauftragt Peter Müller die CFO Nadine Keller mit der Ermittlung des Unternehmenswertes auf Basis nachhaltiger Ertragsgrössen.
Ausgangslage
Nach Analyse der letzten fünf Geschäftsjahre und Bereinigung ausserordentlicher Effekte (insbesondere einmaliger Projektabschreibungen sowie temporärer Sonderaufträge) ergeben sich folgende nachhaltige Werte:
| Kennzahl | Wert (in CHF) | Erläuterung |
|---|---|---|
| Durchschnittlicher Jahresgewinn nach Steuern | 250’000 | bereinigt, nachhaltig |
| Gewinnsteuersatz (s) | 20% | kantonaler Durchschnitt |
| NOPAT | 250’000 | ≈ bereinigter Gewinn nach Steuern |
| Fremdkapital (verzinslich) | 800’000 | Bankdarlehen, 3,5 % Zins |
| Eigenkapital | 1’200’000 | Buchwert gemäss Bilanz |
| WACC | 10 % | risikofreier Zins 1,5 % + KMU-Risikoprämie 8,5 % |
Berechnung des Unternehmenswerts
Schritt 1: Entity-Wert
| Ertragswert Entity = NOPAT / WACC |
| = 250’000 / 0.10 = 2’500’000 CHF |
Schritt 2: Equity-Wert
| Ertragswert Equity = Ertragswert Entity - verzinsliches Fremdkapital |
| = 2’500’000 - 800’000 = 1’700’000 CHF |
Damit beträgt der geschätzte Ertragswert des Eigenkapitals CHF 1,7 Mio.
Diskussion und Entscheidungsfindung
Verkäuferperspektive
Peter Müller erhofft sich aus dem Verkauf eine solide Altersvorsorge und verweist auf die langjährige Marktposition der TechServ Solutions AG sowie die hohe Kundenbindung im KMU-Segment. Er betont, dass in den letzten Jahren erhebliche Investitionen in moderne Cloud-Infrastruktur, Cybersecurity-Lösungen und digitale Serviceplattformen geflossen seien – Aspekte, die den Unternehmenswert nachhaltig erhöhen sollten.
Käuferperspektive
Laura Baumann betrachtet den Kaufpreis kritisch. Sie weist darauf hin, dass der anhaltende Fachkräftemangel im IT-Bereich, der rasche technologische Wandel sowie zunehmender Wettbewerbsdruck durch grössere IT-Dienstleister und internationale Anbieter das unternehmerische Risiko erhöhen. Aus ihrer Sicht wäre ein Preis zwischen CHF 1,5–1,7 Mio. vertretbar, abhängig von der weiteren Ertragsentwicklung. Das Controlling-Team empfiehlt, eine Sensitivitätsanalyse durchzuführen, um die Auswirkungen von Änderungen des WACC und des Gewinns auf den Unternehmenswert zu quantifizieren.
Sensitivitätsanalyse
Das Controlling simuliert, wie Änderungen im Kapitalkostensatz (WACC) den Unternehmenswert beeinflussen.
| WACC | NOPAT (CHF) | Ertragswert (Entity) | Veränderung ggü. Basiswert |
|---|---|---|---|
| 9% | 250’000 | 2’778’000 | +11% |
| 10% | 250’000 | 2’500’000 | - |
| 11% | 250’000 | 2’273’000 | -9% |
Ergebnis:
Schon kleine Änderungen des WACC beeinflussen den Wert deutlich. Das unterstreicht die Zins- und Risikoabhängigkeit der Ertragswertmethode.
Szenarioanalyse
Zusätzlich werden drei Szenarien mit unterschiedlicher Ertragsentwicklung betrachtet:
| Szenario | Erwarteter NOPAT (CHF) | Eintrittswahrscheinlichkeit | Ertragswert (Entity) | Gewichteter Wert |
|---|---|---|---|---|
| Best Case | 300’000 | 25 % | 3’000’000 | 750’000 |
| Base Case | 250’000 | 50% | 2’500’000 | 1’250’000 |
| Worst Case | 200’000 | 25 % | 2’000’000 | 500’000 |
| Erwarteter Wert (Entity) | 2’500’000 CHF |
Interpretation:
Der gewichtete Unternehmenswert entspricht dem Base Case, was auf eine stabile Ertragslage hinweist. Gleichzeitig zeigen die Szenarien, wie stark Unsicherheiten den Wertrahmen beeinflussen.
Kritische Würdigung
Die Ertragswertmethode bietet einen transparenten, zukunftsorientierten Bewertungsansatz, ist aber empfindlich gegenüber Annahmen.
Vorteile:
- Fokussiert auf die nachhaltige Ertragskraft
- Einfach nachvollziehbar und praxisbewährt
- Gute Vergleichbarkeit mit alternativen Szenarien
Nachteile:
- Hohe Prognoseunsicherheit bei KMU
- Kapitalisierungszinssatz stark subjektiv
- Kein direkter Bezug zu Marktpreisen
Zur Ergänzung empfiehlt sich die Anwendung der Praktikermethode (2/3 Ertragswert + 1/3 Substanzwert), die in der Schweizer Nachfolgepraxis gängig ist. Diese Kombination liefert stabilere Werte und berücksichtigt Substanz und Ertragskraft gleichermassen.
Fazit
Die Anwendung der Ertragswertmethode in der TechServ Solutions AG zeigt, dass sich theoretische Bewertungsmodelle auch im Bereich der IT-Dienstleistungen praxisnah einsetzen lassen. Mit einem Unternehmenswert von CHF 2,5 Mio. (Entity) bzw. CHF 1,7 Mio. (Equity) ergibt sich ein realistischer Rahmen für die Nachfolgeverhandlungen. Das Verfahren fördert ein gemeinsames Verständnis von nachhaltiger Ertragskraft, unternehmerischem Risiko und Wertschaffung und leistet damit einen wichtigen Beitrag zu einer strukturierten und erfolgreichen Unternehmensübergabe.
Fragen zur Fallstudie
- Welche Vorteile bietet die Ertragswertmethode gegenüber bilanzorientierten Bewertungsverfahren?
- Welche Faktoren beeinflussen den WACC und damit den Unternehmenswert am stärksten?
- Welche Herausforderungen ergeben sich bei der Prognose künftiger Erträge?
- Welche Ergänzungen oder Alternativmethoden bei der Unternehmensbewertung würden Sie zusätzlich anwenden?
- Wie beeinflussen Änderungen des Kapitalkostensatzes den Unternehmenswert?
- Welche Rolle spielt die Bereinigung der Jahresergebnisse in der Bewertung?
- Welche Vorteile bietet ein Methodenmix (Ertragswert + Substanzwert)?
TechServ Solutions AG – Lösungen
Quellen
- Lütolf, P., Rupp, M., & Birrer, T. K. (2023). Handbuch Finanzmanagement: Bewertungen, Finanzierungen und Risikomanagement im Rahmen der wertorientierten Unternehmensführung (3., korrigierte Auflage). NZZ Libro.
