Sandbox 2026
Einleitung
Im Controlling genügt es nicht, Entwicklungen erst dann zu analysieren, wenn ihre Auswirkungen bereits vollständig sichtbar geworden sind. Ebenso wichtig ist es, Hinweise auf künftige Zielerreichung, Risiken oder Abweichungen möglichst früh zu erkennen. Genau an dieser Stelle setzen Leading und Lagging Indicators an. Während Lagging Indicators bereits eingetretene Ergebnisse und Zustände abbilden, liefern Leading Indicators Anhaltspunkte dafür, wie sich Prozesse, Ziele oder Risiken voraussichtlich weiterentwickeln könnten. Zheng et al. betonen, dass eine wirksame Steuerung nicht allein auf vergangenheitsbezogenen Resultaten beruhen sollte, sondern auf einer Verbindung aus rückblickender und vorausschauender Informationsbasis, weil erst dadurch Fortschritt und Zielerreichung angemessen beobachtet werden können (Zheng et al., 2019, S. 537). In eine ähnliche Richtung argumentieren auch Brocal Fernandez et al., die hervorheben, dass neben bereits eingetretenen Ergebnissen auch jene technischen, organisatorischen und menschlichen Faktoren zu beachten sind, welche Entwicklungen überhaupt antreiben (Brocal Fernandez et al., 2021, S. 2). Für das Controlling sind Leading und Lagging Indicators deshalb nicht als Gegensätze zu verstehen, sondern als zwei sich ergänzende Perspektiven auf Steuerungsinformationen.
Definition & Herkunft
Die begriffliche Herkunft von Leading und Lagging Indicators lässt sich einerseits in der betriebswirtschaftlichen Diskussion um Frühwarnsysteme und andererseits in der Tradition konjunktureller Frühindikatoren verorten. Brokmann und Weinrich zeigen, dass Frühwarnindikatoren dem Management Informationen bereitstellen sollen, mit denen kritische Entwicklungen möglichst früh erkannt und beeinflusst werden können. Zugleich verweisen sie darauf, dass die Begrifflichkeit des Frühwarnsystems bereits 1973 in die deutsche Betriebswirtschaft eingeführt wurde und sich daraus eine eigenständige Denktradition der Früherkennung entwickelt hat (Brokmann & Weinrich, 2012, S. 24). Ergänzend macht Heinemann am Beispiel der Konjunkturprognose deutlich, dass ein Indikator dann als frühzeitig relevant gilt, wenn er zeitlich vor einer Referenzgrösse verfügbar ist und einen belastbaren Beitrag zur Vorhersage ihrer Entwicklung leisten kann. In der volkswirtschaftlichen Analyse wird dabei häufig die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts als Referenzgrösse herangezogen (Heinemann, 2012, S. 112). Damit wird sichtbar, dass die Logik von Leading und Lagging Indicators auf der grundlegenden Frage beruht, ob eine Kennzahl eher auf zukünftige Entwicklungen hinweist oder bereits eingetretene Entwicklungen widerspiegelt.
Davon abzugrenzen ist das Frühwarnsystem als übergeordnetes Konzept. Brokmann und Weinrich verstehen Frühwarnindikatoren als Informationen, die dem Management zur frühen Erkennung möglicher Gefahren dienen (Brokmann & Weinrich, 2012, S. 24). Daraus folgt, dass einzelne Leading oder Lagging Indicators noch kein Frühwarnsystem bilden. Ein Frühwarnsystem umfasst vielmehr die systematische Auswahl, Beobachtung und Einordnung solcher Informationen, damit aus einzelnen Signalen steuerungsrelevantes Wissen entsteht. Leading und Lagging Indicators sind somit Bausteine eines Frühwarnsystems, aber nicht mit dem Frühwarnsystem selbst gleichzusetzen.
Leading vs. Lagging Indicators
Die Unterscheidung zwischen Leading und Lagging Indicators bildet einen zentralen Bestandteil des Verständnisses von Frühwarnindikatoren. Sie beruht auf der kausalen und zeitlich aufeinanderfolgenden Beziehung zwischen Ursachen (lead) und den daraus resultierenden Effekten (lag), wie die Abbildung 1 grafisch aufzeigt (Romeike, 2005, S. 277).
Grundlegende Abgrenzung
Leading Indicators sind frühzeitige Kennzahlen, die auf zukünftige Entwicklungen hinweisen und damit die Grundlage einer proaktiven Unternehmenssteuerung bilden. Sie erfassen Aktivitäten, Zustände oder Ereignisse, die mit hoher Wahrscheinlichkeit künftige Ergebnisse beeinflussen. So können beispielsweise häufige Audits, Schulungen oder eine zunehmende Anzahl von Verbesserungsvorschlägen als positive Frühindikatoren dienen. Ebenso können vermehrte Abweichungen, Reklamationen oder Prozessfehler als negative Frühwarnsignale interpretiert werden (Lingard et al., 2017, S. 208).
Lagging Indicators hingegen sind nachlaufende Kennzahlen, die bereits eingetretene Ereignisse oder Resultate messen. Sie zeigen an, wie erfolgreich frühere Massnahmen gewirkt haben, und ermöglichen eine rückblickende Leistungsbewertung. Typische Lagging Indicators sind zum Beispiel Umsatz, EBIT, Ausschussquote, Kostenabweichungen oder Unfallzahlen. Diese Kennzahlen messen Folgen oder Ergebnisse vergangener Aktivitäten und gelten als reaktive Steuerungsgrössen (Lingard et al., 2017, S. 208).
Anwendungsbeispiel im Business Performance Management
Business Performance Management bezeichnet die Steuerung und Beurteilung von Leistung anhand von Kennzahlen, wobei sowohl vergangene Ergebnisse als auch Hinweise auf zukünftige Entwicklungen berücksichtigt werden (Zheng et al., 2019, S. 535)
Lagging Indicators werden als nachlaufende Leistungskennzahlen verstanden, welche die Ergebnisse vergangener Handlungen widerspiegeln. Sie dienen somit primär der Darstellung bereits erzielter Resultate und kommunizieren ausschliesslich Entwicklungen, die in der Vergangenheit stattgefunden haben. Typische Beispiele hierfür sind Kennzahlen wie Umsatz, EBIT oder operativer Cashflow (Zheng et al., 2019, S. 534).
Demgegenüber stellen Leading Indicators Input- bzw. Prozesskennzahlen dar, die genutzt werden, um die zukünftige Leistungsentwicklung eines Prozesses vorherzusagen. Sie ermöglichen eine vorausschauende Perspektive, indem sie frühzeitig Hinweise auf mögliche Entwicklungen liefern und somit eine proaktive Steuerung unterstützen. Beispiele hierfür sind die Anzahl neuer Kundenkontakte, Angebotsfragen oder Website-Besuche (Zheng et al., 2019, S. 534).
Hintergrund und Relevanz im Controlling
Unternehmen agieren heute in einem zunehmend volatilen und unsicheren Umfeld. Sie müssen Schwankungen in Beschaffungs-, Finanzierungs- und Absatzmärkten sowie Risiken in Projekten, Prozessen und ihrem Umfeld frühzeitig erkennen und angemessen darauf reagieren (Schäffer & Botta, 2012, S. 8). Gleichzeitig ist das Top-Management häufig mit Problemen konfrontiert, die aufgrund überwiegend reaktiver Praktiken erst spät sichtbar werden (Bork & Elsholz, 2015, S. 384). Ein verspätetes Erkennen von Störungen, ungeplante Mehrkosten oder unzureichende Risiko- und Chancenanalysen erschweren es, Entwicklungen rechtzeitig zu antizipieren und frühzeitig geeignete Gegenmassnahmen einzuleiten (Liebau, 2014, zit. in Bork & Elsholz, 2015, S. 384).
Vor diesem Hintergrund stösst ein klassisches, stark vergangenheitsorientiertes Controlling an seine Grenzen. Erforderlich ist vielmehr ein zukunftsorientiertes und präventives Controlling, das potenzielle Abweichungen und Risiken bereits in ihrer Entstehung erkennt (Schäffer & Botta, 2012, S. 9–10). Frühwarnindikatoren leisten hierzu einen wichtigen Beitrag. Im vorausschauenden Controlling und im Risikomanagement helfen sie dabei, Unsicherheiten anhand relevanter Signale sichtbar zu machen und dadurch ein proaktives Management zu unterstützen (Schäffer & Botta, 2012, S. 11–12). Dazu werden typische Ursachen von Krisen und Problemen identifiziert, in geeignete Frühwarnindikatoren überführt und anschliessend in das Controlling, die treiberbasierte Planung sowie das Reporting integriert, um eine laufende Überwachung zu ermöglichen (Bork & Elsholz, 2015, S. 388).
Vorgehen zur Identifikation und Auswahl geeigneter Frühwarnindikatoren
Die Identifikation und Auswahl geeigneter Frühwarnindikatoren ist ein zentraler Schritt für ein ursachenorientiertes und proaktives Controlling. Dabei sind sowohl spezifische Auswahlkriterien als auch unterschiedliche Klassifikationsansätze zu berücksichtigen. Die nachfolgende Tabelle verdeutlicht, dass grundsätzlich zwischen operativen und strategischen Frühwarnindikatoren beziehungsweise -signalen unterschieden werden kann. Diese können aus unterschiedlichen internen und externen Quellen stammen. In der Praxis werden Informationen aus den jeweiligen Beobachtungsbereichen systematisch ausgewertet und anhand definierter Kriterien beurteilt, bevor sie als Indikatoren in das Controlling übernommen werden.
| Unterscheidung | Beobachtungsbereiche und Quellen | Kriterien wirksamer Indikatoren und Signale | Merkmale der Indikatoren |
|---|---|---|---|
| Operative Frühwarnindikatoren | Externe Beobachtungsbereiche:
Interne Beobachtungsbereiche:
(Baum & Coenenberg, 2007, zit. in Brokmann & Weinrich, 2012, S. 28) |
(Hinze, 2003; Krystek & Müller, 1999, zit. in Brokmann & Weinrich, 2012, S. 27) |
(Krystek, 2007, zit. in Brokmann & Weinrich, 2012, S. 30) |
| Strategische Frühwarnsignale | 360-Grad-Radar-Scanning und Monitoring:
(Krystek, 2006; Welgel & Al-Laham, 2008, zit. in Brokmann & Weinrich, 2012, S. 30-31) |
(Baum et al., 2007; Nagel & Ley, 1994; Liebl, 1996, zit. in Brokmann & Weinrich, 2012, S. 30-31) |
(Krystek, 2007, zit. in Brokmann & Weinrich, 2012, S. 30) |
Integration in bestehende Systeme
Frühwarnindikatoren entfalten ihren Nutzen erst, wenn sie in bestehende Management- und Steuerungssysteme integriert werden. Erst diese organisatorische Einbettung ermöglicht es, relevante Entwicklungen frühzeitig sichtbar zu machen und für die proaktive Steuerung nutzbar zu machen. Geeignete Anknüpfungspunkte bieten insbesondere Risikocockpits, integrierte Managementsysteme und, in begrenztem Umfang, auch die Balanced Scorecard:
Balanced Scorecard
Die Balanced Scorecard kann als Ordnungsrahmen dienen, um Frühwarnindikatoren in bestehende Steuerungssysteme einzubetten. Sie verknüpft Ergebniskennzahlen mit vorgelagerten Einflussgrössen und macht dadurch Ursache-Wirkungs-Beziehungen zwischen Leading und Lagging Indicators sichtbar. Frühwarnsignale lassen sich dabei den vier klassischen Perspektiven der Balanced Scorecard zuordnen. In der Prozessperspektive können beispielsweise verlängerte Bearbeitungszeiten oder fehlende Informationen auf Probleme hinweisen, in der Kundenperspektive etwa sinkende Servicequalität oder rückläufige Kundenzufriedenheit. In der Lern- und Wachstumsperspektive deuten unter anderem steigende Fluktuation oder zunehmende Konflikte auf künftige Belastungen hin. Solche Entwicklungen können sich zeitlich verzögert auch in der Finanzperspektive niederschlagen, etwa in Form steigender Aufwendungen, sinkender Einnahmen oder zunehmender Verluste. (Romeike, 2005, S. 277-278)
Damit kann die Balanced Scorecard um eine präventive Komponente ergänzt werden. Frühwarnindikatoren tragen dazu bei, kritische Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und eine rechtzeitige Gegensteuerung zu ermöglichen.
Risikocockpits
Die Integration von Frühwarnindikatoren in Risikocockpits ist ein zentrales Element des vorausschauenden Controllings und der kontinuierlichen Risikoanalyse. Risikocockpits dienen in erster Linie dazu, risikorelevante Informationen übersichtlich darzustellen und damit unerwartete Entwicklungen möglichst früh sichtbar zu machen. Als transparente Führungsinstrumente bündeln sie Indikatoren zu potenziellen Risiken und stellen diese dem Management in verdichteter Form zur Verfügung. Dadurch wird die Aufmerksamkeit gezielt auf mögliche Handlungsfelder gelenkt und der Handlungsspielraum für präventive Massnahmen erweitert. (Schäffer & Botta, 2012, S. 9- 10)
Integrierte Managementsysteme
Die Integration von Frühwarnindikatoren in integrierte Managementsysteme, die typischerweise Qualitäts-, Umwelt- und Sicherheitssysteme umfassen, bietet einen erheblichen Mehrwert für die dynamische Analyse neu entstehender Risiken (Brocal Fernandez et al., 2021, S. 1). Solche Managementsysteme basieren in der Regel auf iterativen PDVA-Zyklen (Plan, Do, Verify, Act), die durch Frühwarnindikatoren gezielt unterstützt und um proaktive sowie korrigierende Massnahmen ergänzt werden können (Brocal Fernandez et al., 2021, S. 2). Dadurch wird insbesondere die Analyse und Steuerung von Risiken in den Bereichen Umwelt, Qualität und Sicherheit verbessert (Brocal Fernandez et al., 2021, S. 2-4).
Kritische Würdigung
Die Implementierung und Nutzung von Frühwarnindikatoren als Frühwarnsysteme bieten erhebliche Chancen für ein proaktives Controlling, unterliegt jedoch in der Praxis spezifischen Limitationen. Die Wirksamkeit eines solchen Frühwarnsystems hängt massgeblich davon ab, wie das Unternehmen mit den folgenden Herausforderungen umgeht.
Methodische und datenbezogene Grenzen
Die Aussagekraft von Frühwarnindikatoren wird durch die Verfügbarkeit und Beschaffenheit der zugrundeliegenden Daten eingeschränkt:
- Mangelnde Datenverfügbarkeit für die Zukunft: Informationen über zukünftige Entwicklungen liegen naturgemäss nicht als harte Fakten vor. Da sich die Zukunft oft nicht linear aus der Vergangenheit fortschreiben lässt, erfordert die Arbeit mit Frühwarnindikatoren ein hohes Mass an Marktverständnis und Intuition seitens der Controller (Schäffer & Botta, 2012, S. 12).
- Qualitätsanforderungen bei KI-Einsatz: Der Einsatz moderner Analyseverfahren wie Predictive Analytics setzt strukturierte und bereinigte Datenmengen voraus. In der Unternehmenspraxis ist die Aufbereitung dieser Daten oft sehr aufwendig, was die Nutzbarkeit von KI-basierten Indikatoren limitiert (Nishat et al., 2025, S. 822).
- Fehlende Kausalität: Der Zusammenhang zwischen dem Anschlagen eines Indikators und der tatsächlichen finanziellen Auswirkung ist selten eindeutig. Wirkungszusammenhänge sind in komplexen Umfeldern oft vielschichtig und lassen sich kaum isoliert über einzelne Indikatoren erklären (Kaplan & Norton, 2008, zit. in Brokmann & Weinrich, 2012, S. 18).
- Subjektivität qualitativer Daten: Strategische Frühwarnsignale liegen oft in unstrukturierter Form vor und sind stark interpretationsbedürftig. Diese Subjektivität kann bei der Auswertung zu Verzerrungen führen, da die Signale nicht eindeutig messbar sind (Brokmann & Weinrich, 2012, S. 29).
- Änderungsrisiko der Rahmenbedingungen: Wenn sich grundlegende Marktbedingungen ändern, verlieren historische Datenreihen ihre Gültigkeit als Referenz. Ein Indikator, der in der Vergangenheit funktioniert hat, kann bei einem Strukturbruch im Markt nutzlos werden (Bomhard, 2009, zit. in Weinrich, 2012, S. 383).
Organisatorische und psychologische Barrieren
Selbst valide Indikatoren können ihre Wirkung verfehlen, wenn menschliche Verhaltensmuster die Interpretation behindern:
- Kognitive Wahrnehmungsverzerrungen: Die menschliche Wahrnehmung ist begrenzt und anfällig für Fehleinschätzungen. Phänomene wie der "Survivorship Bias" oder die Tendenz, Gefahren zu verharmlosen, führen dazu, dass Warnsignale übersehen oder in ihrer Bedeutung unterschätzt werden (Brokmann & Weinrich, 2012, S. 20; Riegler et al., 2012, S. 336).
- Folgen von Fehlalarmen: Wenn Indikatoren zu sensibel eingestellt sind und häufig warnen, ohne dass ein Schaden eintritt, entsteht eine Abstumpfung gegenüber dem System. Dies kann von Verunsicherung bis hin zur kompletten Ignoranz der Warnmeldungen führen (Brokmann & Weinrich, 2012, S. 18).
- Fehlende Handlungsanreize: Kurzfristig orientierte Zielvorgaben können Entscheidungsträger davon abhalten, auf langfristige Frühwarnindikatoren zu reagieren. Oft fehlen die Anreize, Kosten für präventive Massnahmen aufzuwenden, wenn deren Nutzen erst in ferner Zukunft oder durch das Ausbleiben eines Schadens sichtbar wird (Brokmann & Weinrich, 2012, S. 36).
Diese Limitationen verdeutlichen, dass Frühwarnindikatoren zwar kein Allheilmittel sind, aber bei korrekter Einbettung in die Entscheidungsprozesse ein unverzichtbares Instrument für ein vorausschauendes Controlling bleiben. Ihr Erfolg hängt massgeblich von einer validen Datenbasis und der Bereitschaft ab, auch unsichere Informationen proaktiv zu nutzen. Zukünftig bieten insbesondere die Digitalisierung und KI-gestützte Analyseverfahren das Potenzial, die Prognosegüte dieser Indikatoren weiter zu präzisieren und die Unternehmenssteuerung somit von einer reaktiven Berichterstattung hin zu einem datengetriebenen Frühwarnsystem zu entwickeln.
Fallbeispiel: Frühwarnindikatoren im Controlling der Mecorva AG
Das folgende Fallbeispiel basiert auf einem fiktiven Unternehmen. Es zeigt, wie Frühwarnindikatoren im Controlling eingesetzt werden können, um Risiken und Leistungsabweichungen frühzeitig sichtbar zu machen. Im Zentrum steht die Frage, wie sich Leading und Lagging Indicators in die Unternehmenssteuerung einbinden lassen.
Ausgangssituation
Die Mecorva AG ist ein mittelständisches Maschinenbauunternehmen mit rund 900 Mitarbeitenden. Nach mehreren Jahren stabiler Nachfrage haben die Schwankungen im Auftragseingang zugenommen. Gleichzeitig sind die Umsätze rückläufig, und auch die Kundenzufriedenheit entwickelt sich negativ. Hinzu kommen Lieferverzögerungen bei einem Hauptzulieferer, die bereits zu Verschiebungen in laufenden Projekten geführt haben.
Die Geschäftsleitung fordert deshalb ein Frühwarnsystem, das kritische Entwicklungen frühzeitig sichtbar macht und eine rechtzeitige Reaktion ermöglicht. Mit der Konzeption eines solchen Systems wird die Controllerin Tina Amacher beauftragt. Bislang stützt sich die Unternehmenssteuerung vor allem auf klassische, nachlaufende Kennzahlen wie EBIT, Umsatzwachstum und Reklamationsquote. Künftig sollen zusätzlich geeignete Frühwarnindikatoren identifiziert und in das bestehende Controlling-System integriert werden.
Analyse der Kennzahlen
| Kennzahl | Entwicklung (18 Monate) | Beobachtung |
|---|---|---|
| EBIT-Marge | -1,8% gegenüber Vorjahr | Rückläufig |
| Auftragsbestand | +10% | Schwankend |
| Liefertermintreue der Zulieferer | 94% -> 86% | Deutlicher Rückgang seit 6 Monaten |
| Reklamationsquote | +25% | Steigt 2 Monate nach Lieferrückgang |
| Fluktuation im F&E | +4% | Schlüsselpositionen betroffen |
| Kundenzufriedenheit | -8 Punkte | Seit vier Quartalen rückläufig |
| Anzahl Produktideen | -30% | Deutlich rückläufig |
Tina Amacher geht davon aus, dass mehrere dieser Kennzahlen nicht nur den aktuellen Zustand abbilden, sondern auch Hinweise auf spätere operative und finanzielle Entwicklungen geben. Ziel ist es, geeignete Frühwarnindikatoren zu strukturieren, zu beurteilen und in ein integriertes Frühwarnsystem zu überführen.
Fragen zur Fallstudie
1) Analyse und Einordnung
Ordnen Sie die aufgeführten Kennzahlen Leading Indicators beziehungsweise Lagging Indicators zu. Begründen Sie Ihre Einordnung anhand der zeitlichen Abfolge sowie möglicher Ursache-Wirkungs-Beziehungen.
2) Beurteilung ausgewählter Frühwarnindikatoren
Beurteilen Sie die Liefertermintreue der Zulieferer und die Fluktuation im F&E-Bereich anhand geeigneter Kriterien, beispielsweise Eindeutigkeit, Vorlaufzeit, Stabilität, Wirtschaftlichkeit und Handlungsrelevanz. Wie aussagekräftig sind diese Indikatoren im vorliegenden Fall?
3) Einbettung in bestehende Steuerungssysteme
Zeigen Sie auf, wie ausgewählte Frühwarnindikatoren in bestehende Steuerungssysteme integriert werden könnten. Gehen Sie dabei beispielhaft auf die Balanced Scorecard ein und ordnen Sie mindestens einen Leading Indicator einer Perspektive zu.
4) Ausgestaltung eines Frühwarnsystems
Skizzieren Sie, wie ein Frühwarnsystem für die Mecorva AG aufgebaut werden könnte. Berücksichtigen Sie dabei insbesondere Datenquellen, Warnsignale, Schwellenwerte und Eskalationsmechanismen.
5) Weiterentwicklung durch datenbasierte Verfahren
Beurteilen Sie, inwiefern KI-basierte Prognosemodelle die Aussagekraft eines solchen Frühwarnsystems erhöhen könnten. Gehen Sie dabei auf Chancen und Grenzen für das Controlling und die Entscheidungsfindung ein.
Lösungsvorschläge
1) Analyse und Einordnung
Zu den Leading Indicators zählen insbesondere die Liefertermintreue der Zulieferer, die Fluktuation im F&E-Bereich, die Kundenzufriedenheit und die Anzahl Produktideen. Diese Kennzahlen weisen auf Entwicklungen hin, die sich erst später in Qualität, Innovationsfähigkeit, Marktposition oder finanziellen Ergebnissen niederschlagen. Auch der Auftragsbestand kann als Frühindikator interpretiert werden, da er Hinweise auf die künftige Umsatzentwicklung gibt.
Zu den Lagging Indicators zählen vor allem die EBIT-Marge und die Reklamationsquote. Beide Kennzahlen zeigen die Folgen vorgelagerter Entwicklungen mit zeitlicher Verzögerung. Die EBIT-Marge verdichtet die Wirkung mehrerer Einflussgrössen, während die Reklamationsquote auf bereits eingetretene Qualitäts- oder Lieferprobleme hinweist.
2) Beurteilung ausgewählter Frühwarnindikatoren
Die Liefertermintreue der Zulieferer ist im vorliegenden Fall besonders handlungsrelevant, da Lieferverzögerungen direkte Auswirkungen auf Projekttermine, Kundenzufriedenheit und Kosten haben können. Ihre Eindeutigkeit ist relativ hoch, da Verschlechterungen klar messbar sind. Die Vorlaufzeit ist als mittel einzustufen, weil sich Probleme häufig zeigen, bevor sie in Reklamationen oder finanziellen Kennzahlen sichtbar werden. Die Stabilität ist begrenzt, da externe Einflüsse wie Transportprobleme oder Kapazitätsengpässe mitwirken können.
Die Fluktuation im F&E-Bereich ist ebenfalls relevant, da sie auf Risiken für Wissenserhalt und Innovationsfähigkeit hinweist. Ihre Vorlaufzeit ist eher hoch, weil personelle Veränderungen meist vor späteren Auswirkungen auf Produktentwicklung oder Wettbewerbsfähigkeit auftreten. Die Eindeutigkeit ist jedoch geringer als bei der Liefertermintreue, da Fluktuation unterschiedliche Ursachen haben kann. Ihre Aussagekraft steigt, wenn sie mit Zusatzinformationen zu Schlüsselpositionen oder Austrittsgründen kombiniert wird.
3) Einbettung in bestehende Steuerungssysteme
Frühwarnindikatoren können in bestehende Steuerungssysteme integriert werden, indem sie mit strategischen und operativen Zielgrössen verknüpft werden. In einer Balanced Scorecard wäre beispielsweise folgende Zuordnung möglich:
- Finanzperspektive: Auftragsbestand
- Kundenperspektive: Kundenzufriedenheit
- Prozessperspektive: Liefertermintreue der Zulieferer
- Lernen- und Wachstumsperspektive: Fluktuation im F&E-Bereich oder Anzahl Produktideen
Damit kann die Balanced Scorecard um eine präventive Sicht ergänzt werden.
4) Ausgestaltung eines Frühwarnsystems
Ein mögliches Frühwarnsystem der Mecorva AG könnte auf ERP-Daten, Informationen aus dem Lieferantenmanagement, CRM-Daten, HR-Kennzahlen sowie internen Innovations- und Projektdaten aufbauen.
Für ausgewählte Kennzahlen lassen sich Schwellenwerte definieren, beispielsweise:
- Liefertermintreue unter 90 % über zwei aufeinanderfolgende Perioden
- Anstieg der Fluktuation im F&E-Bereich über einen festgelegten Zielwert
- Rückgang der Kundenzufriedenheit über mehrere Quartale
- deutlicher Rückgang der Anzahl neuer Produktideen im Vergleich zum Vorjahr
Die Warnlogik könnte mit Ampelstufen arbeiten. Bei einer gelben Warnstufe würde eine vertiefte Analyse ausgelöst, bei einer roten Warnstufe zusätzlich ein Management-Review mit Gegenmassnahmen.
5) Weiterentwicklung durch datenbasierte Verfahren
KI-basierte Prognosemodelle können ein Frühwarnsystem erweitern, indem sie Muster in grossen und heterogenen Datenmengen früher erkennen als rein manuelle Auswertungen. Dadurch lassen sich Trends, Abweichungen oder Anomalien schneller identifizieren.
Dem stehen auch Grenzen gegenüber. Die Aussagekraft solcher Modelle hängt stark von der Datenqualität, der Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse und der Akzeptanz im Unternehmen ab. Für das Controlling bedeutet dies, dass datenbasierte Verfahren die Urteilsbildung unterstützen können, diese jedoch nicht ersetzen.
Quellen
Literaturverzeichnis
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